Montag, 16. Februar 2015

Ungezuckert - Oder warum ich 6/1/2 Wochen auf industriellen Zucker verzichten möchte


Ich und das Essen

Im Englischen gibt es die Redewendung "to have a sweet tooth", die so viel bedeutet, wie eine besondere Vorliebe für Süßes zu haben. Wenn mich jemand fragen würde, wie ich meine Einstellung zum Essen mit nur einem Ausdruck beschreiben würde, dann würde ich mich höchstvermutlich für diese (ja auch wirklich niedlich klingende) Version entscheiden. Ein Leben ohne Süßigkeiten? Für mich völlig undenkbar. Ich backe für mein Leben gerne und habe großen Spaß daran neue Rezepte auszuprobieren oder mich durch die Küchen der Welt zu kosten. Ich liebe es ausländische Süßigkeiten zu testen, kann zu Schokolade absolut nicht nein sagen und würde beim Bäcker/Buffet/Geburtstagsbrunch am liebsten von jedem Gericht probieren, um auch ja keinen der verführerischen Geschmäcker zu verpassen (Ihr könnt gerne meinen Bruder fragen - der regt sich nämlich bei jedem Restaurantbesuch aufs Neue darüber auf, dass ich wirklich immer und am liebsten noch vor ihm von allen Komponenten auf seinem Teller probieren muss).


Alle Jahre wieder

Und trotzdem, obwohl das Naschen zu meinem Alltag gehört so wie für andere der Kaffee oder das Feierabendbier, entscheide ich mich jedes Jahr wieder ganz bewusst dazu, in der Zeit von Aschermittwoch bis Ostersonntag komplett auf Süßigkeiten, Chips, Kuchen und Schokolade zu verzichten. Inzwischen kann ich schon gar nicht mehr genau sagen wann und weshalb ich mit dieser Tradition ursprünglich mal angefangen habe, doch sie ist inzwischen nicht mehr aus meinem Jahresablauf wegzudenken. Die Gründe, die mich jedes Jahr wieder dazu bewegen für 6/1/2 Wochen auf etwas zu verzichten, was mich ganz offensichtlich mit Freude und Genuss erfüllt, sind allerdings nicht religiöser Natur. Vielmehr geht es mir darum, mich selbst zu testen, meine Disziplin und meine Selbstbestimmung herauszufordern und zu lernen den alltäglichen Versuchungen zu widerstehen. Es ist eine persönliche Challenge, ein Projekt, bei dem ich mir beweisen kann, dass ich mein Leben selbst bestimme und dass ich alles schaffen kann, wenn ich nur will. Selbstverständlich spielt auch der gesundheitliche Faktor eine nicht unbedeutende Rolle. Gerade in der Zeit nach Weihnachten fällt es mir häufig schwer meinen Süßigkeitenkonsum wieder auf ein normales Niveau zu bringen, weshalb mir dir Fastenzeit häufig sogar gelegen kommt, um meinen Körper vor einem möglichen Zuckerschock zu schützen ;) 

Und auch wenn diese Zeit mir jedes Jahr wieder unendlich lange erscheint, wenn ich beginne von Süßigkeiten zu träumen und wenn ich an Geburtstagsfeiern oder gemeinsamen Kochabenden fast verrückt werde, weil andere neben mir feinste Desserts genießen, während ich mich an Obst oder Salzstangen halte, so lohnt es sich doch immer wieder sich dieser harten Bewährungsprobe zu unterziehen. Jedes Jahr wieder stelle ich am Ostersonntag voller erstaunen fest, wie viel genussvoller und bewusster man den ersten süßen Bissen, das allererste Stückchen Schokolade nach fast 7 Wochen Entzug genießen kann. Und auch die persönliche Freude darüber es wieder einmal geschafft, sein Vorhaben umgesetzt und den inneren Schweinehund überwunden zu haben, erfüllt einen so sehr mit Stolz, dass man weiß, dass jeder einzelne Tag während dieser nicht immer einfachen Phase des Verzichts und der Selbstdisziplin, alle Mühen wert war.


Wer glücklich sein möchte, muss bereite sein sich zu ändern

Doch dieses Mal soll alles ein wenig anders laufen. Dies liegt zum einen daran, dass ich mich im Laufe der Jahre immer häufiger gefragt habe, ob meine selbst auferlegten Fastenregeln überhaupt noch zu mir passen, da ich immer häufiger den Eindruck hatte, dass ich mich mit meinen eigenen Regeln selbst so sehr und unter Druck setzte, dass ich die Zeit an sich gar nicht mehr wirklich genießen konnte. Zum anderen gibt es aber noch einen weiteren, sehr persönlichen Grund, der mich 2015 dazu bewegt mich selbst und meine Gewohnheiten anzupassen und zu verändern. 

Ich bin häufig zu streng mit mir, kann mir Fehler und Ausrutscher nicht verzeihen und will mir selbst beweisen, dass ich in allem was ich tue perfekt bin. Doch das bin ich nicht. Das ist vermutlich niemand. Diese Worte allerdings nicht nur auszusprechen auszuschreiben, sondern auch tatsächlich zu akzeptieren, sind allerdings zwei verschiedene Dinge. Ich sollte mich nicht selbst dafür hassen mal einen Fehltritt zu begehen oder mich mit Selbstzweifeln strafen, wenn ich einmal nicht so stark bin, wie ich es gern wäre. Stattdessen sollte ich lernen mir zu vergeben, mich so zu akzeptieren wie ich bin und mir selbst Momente der Schwäche und der Menschlichkeit eingestehen (an dieser Stelle ein großes Dankeschön an meine Mama, die seit Jahren unermüdlich und voller Überzeugung versucht, mir genau diese Tatsachen bewusst zu machen und mich von meiner persönlichen Wertigkeit und meinen Fähigkeiten zu überzeugen ♥).


Wenn Regeln zu Zwängen werden

Trotzdem ist es gerade die Fähigkeit zur Selbstachtung und Selbstakzeptanz, die mir schon immer große Schwierigkeiten gemacht hat und zurzeit besonders stark macht. Denn der zweite Grund weshalb ich die Regeln meiner Fastenzeit in diesem Jahr ein wenig modifizieren will, ist die Tatsache, dass es mir nicht nur schwer fällt meine Fehler, Schwächen und Macken als liebenswerte Teile meiner Selbst zu akzeptieren, sondern dass es mir fast noch schwerer fällt, meinen Körper so anzuerkennen und zu lieben wie er ist. 

Ich weiß, dass es vermutlich nach dem typischen Klischee eines kleinen blonden Mädchens klingt, dass sich zu sehr von Werbebildern, Frauenidealen und Castingshows beeinflussen lässt, wenn ich gestehe, dass ich mich bei einer Körpergröße von 1,65m und einem Gewicht von knapp über 50 kg für zu dick und unansehnlich halte. Doch so sehr ich es mir auch wünsche, ich kriege diese (sinnlosen) Gedanken nicht aus meinem Kopf. Natürlich bin ich mir darüber bewusst, dass ich nicht wirklich dick bin und dass viele Menschen von einer Figur wie meiner träumen. Doch trotzdem stehe ich morgens vor dem Spiegel und kann nur wahrnehmen, was mich alles stört und was ich unbedingt verändern möchte, anstatt mich an meinen Vorzügen zu erfreuen. 

Kampf der Gedanken 

Inzwischen hat sich diese krankhafte Sicht leider nicht nur auf meine Selbstwahrnehmung, sondern auch auf mein Essverhalten übertragen. Ich muss zwanghaft Kalorien zählen, verzichte absichtlich auf das Frühstück (obwohl es meine absolute Lieblingsmahlzeit ist), vergleiche meine Essgewohnheiten unablässig mit denen anderer Menschen und verbiete mir bewusst Dinge, auf die ich eigentlich Lust habe. Ironischerweise gibt es für mich gleichzeitig nichts Schöneres auf der Welt, als zu essen. Auf meinem Computer finden sich Ordner voller Rezepte und Backideen, ich liebe es in Kochmagazinen zu stöbern, habe bei Facebook gefühlte 100 Foodblogs geliked und plane bei Städteausflügen oder Besuchen in der Heimat zu allererst was ich dort essen und welche Restaurants ich gerne besuchen möchte. Es ist ein Kampf der Gedanken in meinem Kopf, bei dem ich letztendlich nur verlieren kann. Alles dreht sich nur noch ums Essen. Auf der einen Seite lass ich mich dazu verleiten ständig neue Süßigkeiten zu kaufen, tonnenweise Kuchen zu backen (den niemand isst) oder mein Essen bereits Wochen im Voraus zu planen (häufig kann ich es schon nach dem Mittagessen gar nicht abwarten endlich mein Abendbrot zuzubereiten und wieder ein neues Rezept zu testen oder etwas anderes zu schmecken). 

Doch auf der anderen Seite kann ich nichts von dem, was ich zu mir nehme, genießen. Ich habe ständig Hunger oder Appetit, doch sobald ich mir einen Schokoriegel, eine reichlich belegtes Brötchen oder eine andere kalorienhaltige Mahlzeit erlaube, plagt mich sofort das schlechte Gewissen. Während ich also das esse, was ich eigentlich so gerne genießen würde, überlege ich im Kopf bereits wie ich diese Sünde am besten ausgleichen oder welche Nahrungsmittel ich dafür an diesem Tag weglassen kann. Durch dieses zwanghafte und kontrollierte Essen habe ich mein natürliches Hunger- und Körpergefühl inzwischen vollständig verloren. Häufig habe ich direkt nach dem Essen mehr Hunger als vorher, ich habe Fressanfälle, in denen ich einfach irgendetwas in meinem Mund schieben muss (was ich hinterher sofort bereue) und muss schon fast zwanghaft jeden Tag eine kleine Portion Süßigkeiten essen, um zu wissen, dass ich mir ja eigentlich nichts verbiete. Ich bin mir bewusst wie verrückt das klingt und dass viele Leute mich nicht verstehen werden. 

Doch zum Glück habe ich auch Menschen, die mich unterstützen und die für mich da sind - ganz egal wie verrückt und anstrengend ich aufgrund meiner Probleme manchmal bin (Danke vor allem an meinen Freund, der es nicht müde wird, mir gut zuzureden, mir Tipps zu geben und mich so gut er kann zu unterstützen). Er hat es inzwischen geschafft mich so weit zu bringen, dass mir klar geworden ist, dass ich so nicht weitermachen kann und dass ich etwas ändern muss. Meine Lebensqualität ist durch die Gedankenspirale, in der ich mich jeden Tag befinde, inzwischen so eingeschränkt, dass ich merke wie meine Laune immer schlechter wird, ich leicht gereizt bin und es mir immer schwerer fällt, Dingen das Positive abzugewinnen. Teilweise hasse ich mich für mein Verhalten regelrecht und beschimpfe mich innerlich mit Worten und Sätzen, die meine Selbstachtung nur noch weiter in den Keller treiben. Doch damit muss nun Schluss sein! Ich muss etwas verändern, muss meine eigene Einstellung überdenken und meine antrainierten Verhaltensmuster durchdringen. Ich will nicht mehr jede Mahlzeit planen müssen oder mit Hungergefühl bis zum Mittag ausharren, nur um ein paar Kalorien zu sparen. Ich will einfach das essen, worauf ich gerade Hunger oder Appetit habe, und meine Lebensfreude somit zurückgewinnen.


Lange Rede – kurzer Sinn

Worauf ich mit dieser (sehr ausführlichen - ich weiß) Beschreibung meiner Situationen (und glaubt mir, dass ist noch lange nicht alles, was sich in meinem Kopf abspielt – wenn euch das alles nur vom Lesen also jetzt schon stresst, könnt ihr euch ja vorstellen, was ich jeden Tag mit mir selbst ausmache) eigentlich hinaus will, ist die Tatsache, dass ich die Fastenzeit in diesem Jahr als meine Chance sehe, um noch einmal ganz von vorne anzufangen. Sie soll der Beginn eines neuen Lebensabschnittes sein, der Beginn einer Zeit, in der ich keine Kalorien zählen und zwanghaft Süßigkeiten essen muss, sondern in der ich lerne mich gesund zu ernähren, bewusst auf meinen Körper zu hören und ihm das zu geben, was er braucht. In einem Artikel habe ich einmal gelesen, dass wenn die Seele hungert sich das häufig dadurch äußert, dass auch der Körper hungern will. Ich habe mir also vorgenommen nicht nur meine Essgewohnheiten zu überarbeiten, sondern auch mir persönlich etwas Gutes zu tun und an mir zu arbeiten. Wie genau das geschehen soll, werde ich euch gerne im Laufe der nächsten Wochen berichten. 


Für den Einstieg in das Thema waren das vermutlich mehr als genug Informationen, die es zunächst zu verdauen gibt (Wortwitz, haha :D). Ich lade euch gerne dazu ein mich auf meinem kleinen Selbstversuch zu begleiten und freue mich immer über hilfreiche Tipps und Anmerkungen. Weitere Details über meine Ernährungsziele während der Fastenzeit folgen schon bald.


Bis dahin – sonnige Grüße,

Lisa ☼

P.s. Jetzt wo ich meinen Beitrag nochmal lese, fällt mir auf, dass er deutlich länger geworden ist, als geplant. Ich verspreche daher an dieser Stelle, dass ich mich ab jetzt kürzer fassen werde ;) Aber für mich ist dieses Tagebuch gleichzeitig eine Art "Therapie" und es hat irgendwie wirklich gut getan, einfach mal alles aufzuschreiben, was mich in letzter Zeit so sehr bewegt! Trotzdem - was die Länge der Beiträge angeht, gelobe ich von nun an Besserung :D

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